was ist der mensch

die ini für und wider und um Bert Brecht


eintreten kann (fast) jede/r.

Hans Mayer
Erinnerungen an Brecht

SCHWIERIGE ANNÄHERUNG
Der Name Bert Brecht war mir schon mit fünfzehn Jahren vertraut, also um das Jahr 1922. Bei uns zu Hause las man das Berliner Tageblatt aus dem Hause Rudolf Mosse. Also eines der "Judenblätter ", wie man in der braunen Propaganda zu sagen pflegte. Dazu hielt man das Kölner Tageblatt, ein leidlich liberales Lokalblatt. Die weitaus bessere, doch etwas konservative Kölnische Zeitung hatte der Vater nicht haben wollen. Brecht war Jahrgang 1898 und machte viel von sich reden durch böse Aufsässigkeit. Er dachte, schrieb und sprach nicht wohlanständig, wie es sich für einen guten Schriftsteller geziemt, sondern ordinär, spöttisch und hochfahrend. ­ Was ich von diesem Augsburger zu halten hätte, sagte mir während meiner letzten Schuljahre das getreue Berliner Tageblatt. Eigentlich nichts nämlich. Auf Vorschlag des Münchener Dramaturgen, des Dr. Lion Feuchtwanger, hatte man zwar ein Stück Trommeln in der Nacht an den Kammerspielen aufgeführt, was sogar ein Erfolg gewesen war. Der ursprüngliche Titel hatte Spartakus geheißen. Die Geschichte eines Heimkehrers, der aus Wut und Enttäuschung zu den Spartakisten geht, dann aber mitten im Kampf umkehrt, um die wiedergefundene Braut heimzuführen in das große, weiche, breite Bett. Dergleichen ekelte mich an, den bürgerlichen Kölner Primaner, der geweint hatte als Fünfzehnjähriger bei der Nachricht vom Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Mit diesem Brecht wollte ich nichts zu tun haben ...

DREIGROSCHENOPER
Das änderte sich bald: Der 31. August 1928 sollte den plötzlichen und schließlich dauerhaft gebliebenen Weltruhm Bert Brechts bedeuten. Im Berliner Theater am Schiffbauerdamm, unweit vom Bahnhof Friedrichstraße, spielte man Die Dreigroschenoper. In der Dreigroschenoper wird die Absage an die Bourgeoisie als Bejahung des Bürgertums vollzogen. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm! Planwirtschaft ist sinnlos, weil alle Pläne mißlingen. Ob der Verbrecher als Verbrecher behandelt wird, das hängt von vielerlei Umständen ab. Gute Eigenschaften sind schädlich. "Beneidenswert, wer frei davon. " Wir haben dies alles damals leidenschaftlich zitiert und gesungen. Immer wieder mußte ich am Klavier die Finale begleiten, wenn die Freunde und Freundinnen jene Texte zitierten, die wir alle auswendig kannten.

EIN UNBEQUEMER ZEITGENOSSE
In seinen letzten Lebensjahren hat Brecht immer wieder kleine Konflikte mit den mittleren und kleinen Bürokraten der neuen DDR austragen müssen. Er ist ihnen niemals aus dem Weg gegangen, hat sie bisweilen sogar provoziert. Oft hat er mir bei meinen Besuchen in Berlin davon erzählt. Das muß gegen Ende des Jahres 1951 gewesen sein. Brecht war damals im Oktober mit dem Nationalpreis Erster Klasse ausgezeichnet worden. Er besaß nun einen roten Ausweis mit Bild, den er vorzeigen konnte, um nicht irgendwo in einer Schlange stehen zu müssen. Nomenklatura also. Das hat er ausgenutzt. Einmal fuhr er am Abend von Berlin nach Prag. An der Grenze wollte ihn der Volkspolizist zwingen, aus dem Zug auszusteigen und etwas abstempeln zu lassen. Brecht weigerte sich: "Zuerst sagte ich, ich sei todkrank. Das hat er nicht geglaubt. Dann sagte ich, ich sei uralt. Das hat er nicht geglaubt. Dann sagte ich, ich sei Nationalpreisträger und zeigte meinen Ausweis. Da ließ er mich in Ruhe." Ein andermal hatte er Ärger am Brandenburger Tor. Er fuhr fast täglich mit dem Wagen nach Westberlin, um seine dort lebende Tochter Hanne Hiob zu besuchen. Er hatte für diese Fahrten einen Generalausweis. Die Wachleute am Brandenburger Tor kannten ihn also genau. Trotzdem verlangte man stets dasselbe Ritual. Brecht weigerte sich schließlich, dabei mitzumachen. Nun war der wachhabende Offizier unvorsichtig und äußerte: "Mit Ihnen hat man doch immer seine Schwierigkeiten. " Das wollte Brecht hören. Er wandte sich an den Ministerpräsidenten und wurde fortan in Ruhe gelassen.

TOD ZUR UNZEIT
Die Nachricht von Brechts Tod am 14. August 1956 war schrecklich. Mich traf sie in den Ferien, irgendwo im Spessart. Man hörte die Abendnachrichten. Ich reiste am nächsten Morgen nach Frankfurt, flog nach Berlin. Schon wieder die Trägheit des Herzens. Auch diese Beziehung hatte ich schließlich hinsiechen lassen, obwohl sie mir so viel bedeutete. Im Mai war Brecht im Krankenhaus gewesen: eine Virusgrippe, wie man erklärte. Ich hatte mich nach ihm erkundigt, irgendwann im Juni rief er in Leipzig an: aus Buckow. Er deutete an, daß er mich gern dort sehen möchte, sagte aber nicht, was zu bereden sei. Vielleicht gar nichts, nur eben die Verbindung wieder herstellen. Ich hatte damals irgendeine "Westreise" im Sinn, es war wohl ein Vortrag in Paris zu halten, weshalb ich vorschlug, man solle sich im Herbst wiedersehen. Brecht stimmte zu, sagte nichts weiter. ­ Nun war er tot...

(Auszüge aus: Hans Mayer, Erinnerung an Brecht)