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Von: Compadre Das Volk 06.04.2019 18:16 Uhr
"Wenn die Brutalisierung des sozialen Lebens so allgemein geworden ist, wie sie derzeit zu werden im Begriff ist, dann bleibt jener "sozialer Friede", den der Kapitalismus meint, ganz ohne faschistisches Regime gesichert. (...) Waren die Massen in den Industriegesellschaften nur deshalb durch angebotene Gütermengen und Massenkultur lenkbar, weil sie zugleich politisch und ökonomisch ohnmächtig blieben, so ist es nach jüngsten Erfahrungen vorzüglich ihre Ohnmacht gegenüber der Drohung nackter Gewaltförmigkeit in ihren verschiedenen, teils sehr subtilen Formen, die sie zur Anpassung und Vorsicht nötigen."
Peter Brückner in "Sozialpsychologie des Kapitalismus"
Von: DerMaulwurf Das Volk 02.04.2019 09:21 Uhr
Das kann man heutigen Gewerkschafter halt nicht zum Vorwurf machen. Deshalb finde ich es wichtig sich wenigstens einmal mit der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung zu beschäftigen. Ich würde immer noch eine Einleitung schreiben, allerdings bin ich immer noch nicht so weit, um eine vernünftige Erklärung abzugeben. Hänge noch bei einem halben Dutzend Büchern. Was die Gewerkschaftsbewegung betrifft: ich hatte das bereits mehrmals geschrieben. Die Gewerkschaften in der Weimarer Republik und davor waren auf der Betriebsebene organisiert, diese Strukturen wurden spätestens 1984 beseitigt und auf die Ortsebene verlagert. Der gewerkschaftliche Kampf wurde quasi aus den Betrieben ausgelagert. Damit haben sich gewerkschaftliche Kämpfe verselbstständigt und immer mehr Aufgaben und Funktionen wurden an Stellvertreter abgegeben, GewerkschafterInnen wurden immer mehr Aufgaben abgenommen, Probleme in den Betrieben damit immer unsichtbarer.

Ich weiß nicht ob ich das richtig wiedergebe, dem DGB in der Zeit des Wiederaufbau´s Deutschlands saß noch der Schrecken der Nachkriegszeit im Nacken, wo Kommunisten in den Betriebsräten, insbesondere an Rhein und Ruhr, großen Einfluss hatten und Gefahr drohte die Kontrolle über die Gewerkschaften zu verlieren. Das mag ein Ausgangspunkt gewesen sein, die Organisierung der Gewerkschaften neu zu strukturieren.

Dass die Menschen verstanden hatten wer an diesem Krieg Schuld war davon zeugten auch die antifaschistischen Ausschüsse, die sich nach dem Krieg an vielen Orten spontan gebildet hatten und ebenso "spontan" zwangsweise aufgelöst wurden (mehr dazu weiter unten). Im Verlauf der Geschichte passten sich die Gewerkschaften immer wieder an unter der Angst neu verboten zu werden und spielten das kapitalistische Spielchen mit, z. B. gewährleisteten sie im 1. Weltkrieg die Nachfrage nach Arbeitskraft für die Rüstungsproduktion durch Zustimmung zu einzelnen Maßnahmen innerhalb des Rahmens des "vaterländischen Hilfsdienstes", was die Wahl den Arbeitsplatz frei zu wechseln unterband, zusätzlich zum Lohnstopp. Auch hier: immer wieder partielle kurzfristige Streiks.

Betriebsräte wurden mit dem Wiederaufbau Deutschlands zwar zugelassen, aber jede Entscheidung musste bei den Alliierten beantragt und genehmigt werden, damit blieben diese funktionslos.

Wie groß die Sorge der Kapitalisten vor der Aktionsbereitschaft der Arbeiter war zeigte sich dann noch einmal im Winter 1946/47 mit großen Hungermärschen für eine bessere Versorgung (man sollte nicht vergessen das der Verlauf über das Ende des 1. Wk revolutionäre Erhebungen erzeugte, die den Kaiser davonjagte und den Kapitalismus insgesamt bedrohte). Bis Anfang 1948 änderte sich nichts an der Versorgungslage, Forderung(en) daher: Volkskontrolle über die Nahrungsmittelversorgung, die in Streiks gipfelten, in Bayern und Nordrhein-Westfalen mit über einer Million Streikenden. Höhepunkt der Streikwelle Ende 1948 mit insgesamt 11,7 Millionen Beschäftigten. Die Idee der Gewerkschaften waren Forderungen zur Preispolitik und zu den Löhnen. Weniger eine Wirtschaftsdemokratie.

Die Gewerkschaften wurden dann schließlich von oben aufgebaut. Dazu August Schmidt, Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes, auf dem Gewerkschaftstag: "Und weil die Freunde von links, die sich so gerne Opposition nennen, es nicht lassen können, immer und immer wieder Mitgliederversammlungen der Betriebsgruppen dazu zu benutzen, ist das zunächst der erste Grund, weshalb der Verbandstag und auch ich mit aller Deutlichkeit für die Beseitigung der Betriebsgruppen eintreten. Diesen politischen Hexenkessel wollen wir endlich beseitigen."
Kommunisten spielten in vielen Funktionen noch eine Rolle. Im Rhein-Ruhr-Gebiet stellten Kommunisten 38% aller Betriebsräte und bei den ersten Landtagswahlen 1947 erreichte die KPD 14% der Stimmen und holte zwei Landtagssitze.

Es gab jedoch noch eine weitere Entscheidung beim Aufbau neuer Gewerkschaften. Die Entscheidung von Einheitsgewerkschaften statt den Richtungsgewerkschaften der Weimarer Zeit. Die Idee war für jeden Betrieb nur eine Gewerkschaft zuzulassen und so klassenkämpferischen Gewerkschaften von vornerrein auszuschalten. Dass ließ sich dann auch aus den Erfahrungen der Weimarer Zeit vor den Arbeitern rechtfertigen: der Bruderkampf zwischen nicht zuletzt SPD und KPD hätten den Faschismus zur Macht gebracht.

Nur um das nicht noch weiter auszudehnen: das Tarifvertragswesen wurde ausgedehnt und das Arbeitsrecht derart etabliert, dass die Funktion von Betriebsräten auf die Ebene von Co-Managern verlagert wird; nach dem Zeitungsstreik von 1952 lernten Richter in Deutschland dass Steiks sozialadäquat und sozialverträglich sein müssen und politische Streiks das nicht sind, also verboten; und viele immer weiter etablierte Definitionen lassen immer mehr Interpretationsspielraum zu, um Gewerkschaften auf Schadensersatz verklagen zu können (z. B. verklagte die Berlin Charité die Gewerkschaft verdi und forderte eine Untersagung der Mindestbesetzungsregel in der Pflege). Und ganz nebenbei wohlbemerkt: ein Streikrecht wurde in der Bundesrepublik nie etabliert, sie wurden wie hoffentlich deutlich wurde an den Sozialverträglichkeitsgrundsatz angepasst.

Man sollte diese Entwicklungen u. a. beachten, um zu verstehen warum die Arbeiter und Angestellten heute so sehr an die Funktionäre binden und teils unfähig sind selbst Entscheidungen zu treffen, selbst Aktionen zu planen, über die Gewerkschaftsgrenzen hinweg. Wobei man sagen muss dass es in neuerer Zeit immer positivere Entwicklungen gibt. Die Angst aus der Nachkriegszeit steckt den Gewerkschaften immer noch in den Knochen, daher vermutlich auch die Partiellierung von Aktionen, also die Vereinzelung, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Es ist eben unsere Aufgabe daraus etwas zu machen.

Von: Wandelbar Das Volk 28.03.2019 00:34 Uhr
Das wäre wünschenswert, wenn heutige Gewerkschafter*innen die kapitalistischen Verhältnisse neben der Arbeit im Hier und Jetzt grundsätzlich infrage stellten. Ob das vielleicht hier und da sogar geschieht bei den DGB-Gewerkschaften, kann ich nicht beurteilen.
Von: DerMaulwurf Das Volk 23.03.2019 23:51 Uhr
"Der Kapitalismus hat nie seinen Frieden mit den arbeitenden Menschen gemacht. Deshalb können wir keinen Frieden mit dem Kapitalismus schließen."

- IGMetall-Vorsitzender Eugen Loderer 1977 auf dem Gewerkschaftstag
Von: Wandelbar Das Volk 23.02.2019 08:23 Uhr
Warum können wir nicht editieren in offenen Foren... ;-) Also, mir fällt DER Spruch ein.
Von: Wandelbar Das Volk 23.02.2019 08:21 Uhr
Mir fällt in letzter Zeit immer wieder Spruch ein, den ich nicht in seiner Absolutheit teile, aber in der Tendenz sehr wohl: Don´t fight the players, fight the game.
Von: Compadre (Maduro) Das Volk 22.02.2019 21:15 Uhr
Wo der Gregor recht hat, da hat er recht. Aber die "Herren" "tun die Ursache nicht weg", um mich müntzerisch auszudrücken. Ich wäre doch auch froh, wenn es die Ursache nicht mehr geben würde. Aber das wäre eine Illusion, noch größer als die, dass Sozialismus auch funktionieren könnte.
Von: Anteros Fortschrittliche Plattform im Internet 22.02.2019 08:40 Uhr
Der Sozialismus ist bislang an strukturellen Fehlern gescheitert - Insbesondere: Mangel an Demokratie, Mangel an Ökologie und Mangel an Effizienz!


Gregor Gysi
Von: Compadre (Maduro) Das Volk 20.02.2019 09:10 Uhr
„Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muss ich aufrührerisch sein.“ — Thomas Müntzer, Hochverursachte Schutzrede, 1524.

Referenz: https://beruhmte-zitate.de/zitate/123805-thomas-muntzer-die-herren-machen-das-selber-dass-ihnen-der-arme/